Die dunklen Seiten von Mainz: Sarah Beicht über „Mainz Makaber“
Shownotes
In dieser Episode des Mentoren Media Verlags Talks spricht Volker mit der Autorin Sarah Beicht über ihr Buch „Mainz Makaber“. Gemeinsam werfen sie einen Blick auf die dunklen, skurrilen und oft übersehenen Seiten der Fastnachtsstadt Mainz.
Im Gespräch geht es um historische Kriminalfälle, morbide Anekdoten, vergessene Orte und die Frage, warum gerade das Unheimliche einen besonderen Zugang zur Stadtgeschichte eröffnet. Sarah Beicht erzählt, wie sie recherchiert hat, welche Geschichten sie besonders bewegt haben und warum Mainz weit mehr ist als sein fröhliches Image.
Zwischen schwarzem Humor, historischen Fakten und persönlichen Eindrücken entsteht ein Gespräch, das Lust macht, bekannte Orte neu zu sehen – und sich auch auf die Schattenseiten einer Stadt einzulassen.
Eine Folge für alle, die Stadtgeschichte lieben, neugierig auf das Ungewöhnliche sind und gern dorthin schauen, wo andere lieber wegsehen.
Transkript anzeigen
00:00:00: Wir machen weiter mit dem nächsten Programmpunkt.
00:00:03: Ja und jetzt stehe ich hier als Moderatorin des Podiums Rheinland-Pfalz und ihr seht gar nicht, was ich für Hüte und noch auf meinem Kopf trage, denn ich bin auch als Autorin tätig.
00:00:12: Meine Hände sind voll.
00:00:13: Ich habe mein neues Buch mitgebracht, erschienen ist es im Mentoren-Media-Verlag.
00:00:17: Und ja, damit mache ich es mir ganz einfach mal auf der Bühne gemütlich und komme mit dem Verleger Volker Peach ins Gespräch.
00:00:25: Schön, dass du da bist.
00:00:27: Ja, sehr gerne.
00:00:28: Und erst mal ein schöner Einstieg.
00:00:30: Hast du sehr gut gelöst.
00:00:31: Und ich habe mich auch gewünscht, dass es genauso läuft, dass es so wie es am Podium Rheinland-Pfalz ist.
00:00:35: Du kündigst an.
00:00:36: Wer kommt?
00:00:37: Sarah Beicht.
00:00:38: Und ich beginne gleich mit, das ist das Buch, das wir am schnellsten angenommen haben.
00:00:44: Und das habe ich ganz eigenmächtig entschieden und die Autoren bestätigt.
00:00:48: Es waren fünfzehn Minuten zwischen Einreichung und Zusage.
00:00:51: Fünfzehn Minuten, zehn Uhr drei, sich ging die Mail raus und zehn Uhr vierzig kamen.
00:00:56: Eine kurze, aber mit vielen Ausrufezeichen versehene Mail zurück.
00:01:00: Und das Ganze ohne Abstimmung mit meinen Mitverantwortlichen.
00:01:04: Ich habe einfach gesagt, das machen wir und das drücke ich durch, das setze ich durch und ich bin sehr glücklich, dass ich genau diese Entscheidung so getroffen habe.
00:01:11: Denn meins, die Stadt des Frohsins bietet so viele andere interessante Seiten und du hast sie aufgezeigt.
00:01:17: Absolut, also man sieht es vielleicht, das ist mein bisher lustigstes Buch, also Frosin ist dort auch zu finden, aber in Mainz-Makawa geht es wie der Titel vielleicht andeutet, um Schattenseiten, um Friedhöfe, um Fledermäuse und um True Crime.
00:01:32: Du hast Plätze recherchiert und ich meine, ich kenne jetzt witzigerweise dadurch, dass ich regelmäßig dort unterwegs bin, diesen Hauptfriedhof und tatsächlich ist es ein Platz, den man gesehen haben sollte.
00:01:44: Auf jeden Fall.
00:01:45: Also er ist ein bisschen ab vom Schuss, aber gut erreichbar
00:01:48: auf jeden Fall.
00:01:49: Haben wir im Podcast schon darüber diskutiert?
00:01:51: Stimmt, haben wir schon diskutiert.
00:01:53: Man erreicht ihn aber doch sehr, sehr gut und er ist einfach wunderschön.
00:01:56: Also einer der schönsten Orte in Mainz, finde ich, und überhaupt kein gruseliger Ort, sondern ein total tolles Museum unter freiem
00:02:05: Himmel.
00:02:05: Und ein Beispiel für eine Vorlage für...
00:02:08: für den berühmten Pariser Friedhof Perlerschäse.
00:02:10: Und jetzt bringe ich wieder die Nummer mit den Katzen, weil sie dazugehört ist.
00:02:13: Leben dort auch Katzen, also das ist auch identisch.
00:02:15: Aber scheinbar sind die Mainzer Katzen etwas scheuer als die in Paris.
00:02:19: Zumindest ist mir noch keine Begegnet, keine Katze auf dem Mainzer Hauptfriedhof Perlerschäse, aber schon.
00:02:25: Wie funktioniert jetzt so ein Buch wie Mainz-Macabre?
00:02:28: Du hast ja diese Veranlagung, sag ich mal, dass du dich für solche Sachen interessierst.
00:02:32: Aber wann beginnt das im Kopf zu sagen, ich schreibe mal über Friedhöfe, über Häuser, wo jemand umgebracht wurde, wo Hexen verbrannt worden sind und Preise, das als Orte an die man gesehen haben muss?
00:02:45: Das ist die Frage, wo das beginnt.
00:02:48: Das ist mein täglich Brot eigentlich.
00:02:50: Also überall, wo ich hingehe, suche ich nach solchen Orten, ob das jetzt in Mainz ist.
00:02:55: Da habe ich als Letztes drüber nachgedacht, witzigerweise.
00:02:58: Also jeder Urlaub, jeder Ausflug, ob das von Niederolm bis Prag bis London, was weiß ich wo, besteht daraus.
00:03:05: Ich gebe die Stadt ein Friedhöfe.
00:03:07: Ich gebe die Stadt ein Spooky.
00:03:09: Ich gebe die Stadt ein... Hexenverfolgung.
00:03:11: und irgendwann eigentlich hat es es kläglich spät dazu gekommen, dass ich das mit Mainz getan habe, weil ich dachte, naja Mainz, kenne ich, bin Mensa Metsche, bin ich aufgewachsen, wohne dort immer noch, aber irgendwann kam von heute auf morgen die Idee, Moment, Mainz, Hexenverbrennung, gab es da was?
00:03:29: Und dann guckt
00:03:30: man
00:03:30: und recherchiert und irgendwann packt man das in ein Buch.
00:03:36: Ich bin jetzt nicht derjenige, der sofort auf den Friedhof in irgendeiner fremden Gegend rennt.
00:03:40: Aber wenn ich ihn sehe, schaue ich immer danach und werfe einen Blick drauf.
00:03:43: Und es verrät verdammt viel über, wie wir leben und was eigentlich in einer Region so los ist.
00:03:50: Es gibt dieses klassische Nord-Süd-Gefälle.
00:03:52: Also im Norden steht eher mal nur ein Kreuz im Süden.
00:03:56: sind ganze Tür mal auf dem Grab?
00:03:57: Ja, klar.
00:03:58: Also es verrät total viel darüber, wie eine Gesellschaft lebt, wie sie funktioniert, wie die Kultur dort funktioniert.
00:04:04: Also das empfehle ich wirklich, auch vor allem in fernen Ländern in Aufriedhöfe zu gehen.
00:04:10: Also da ist wunderbare Kunstausstellung auch.
00:04:12: Und man sieht natürlich, wer ist der Geldadel, die Hott-Volet, wie man bei uns sagt und wer vielleicht auch nicht.
00:04:18: Ich wohne hier an so einem kleinen Weiendorf ganz in der Nähe von Bodenheim und Bodenheim ist ja in diesem Buch musti ja rein, weil das ist echt ein ganz blutrünstiger Fleck.
00:04:29: und ich finde, wenn man so ein Gegend wohnt, die ist so idyllisch.
00:04:32: und jetzt gerade in dieser Zeit dieses Farbenspiel, rot, gelb, die Weinberge in der Weite, aber da ist es echt blutig zugegangen.
00:04:40: Ja, das ist ja meistens der Kontrast vor allem bei uns in... der Mainzer Region, Rhein-Hessen, es ist alles wunderschön, es ist alles gesellig, weinselig, aber ja, die Vergangenheit, da kann man schon Blutstropfen finden und du spielst auf Bodenheim an.
00:04:55: Da war ein, eben hätte ich bei der Hotspot gesagt, ein Hotspot der Hexenverbrennung.
00:05:02: Ja, das ist definitiv so.
00:05:03: Man versucht es wieder so ein bisschen gut zu machen, indem man heute Straßen nach Hebammen benennt.
00:05:08: Aber das macht es natürlich nicht gut, was da in der Geschichte echt... Ja, da sitzt schon was.
00:05:13: Genau,
00:05:13: aber Bodenheim kümmert sich da auch tatsächlich sehr vorbildlich drum.
00:05:17: Also die haben eine fantastische Ortsführung, eine Ortsbegehung zu allen Schauplätzen, die es heute noch gibt.
00:05:24: Man kann es bohles hier sich anschauen, beziehungsweise sehen, wo es früher war.
00:05:28: Es bohles hier ist das Gefängnis in Bodenheim.
00:05:31: Und die machen das wirklich sehr vorbildlich, haben auch so ein Denkmal errichtet am Donnerspark.
00:05:37: Jetzt sitzen wir hier schon auf dem Podium Rheinland-Pfalz und dann geben wir der Autorin auch die Gelegenheit, über alles schnell noch zu reden, was sie sonst noch macht.
00:05:44: Weil das ist dein drittes Buch?
00:05:46: Das ist mein
00:05:46: drittes Buch, genau.
00:05:48: Ein Kreis aus Salz?
00:05:49: Ein Kreis aus Salz ist das Erste.
00:05:51: Das ist ein Erzählband.
00:05:52: Da sind bereits seine Erzählungen drin.
00:05:55: und ist im Rhein-Mosell-Verlag.
00:05:58: Wärmste Empfehlung, wenn immer es eine Lesung zu diesem Buch mit der Autorin gibt, bitte wahrnehmen, weil man traut seinen Augen nicht, wenn man sie sitzen sieht und die Geschichten lesen hört.
00:06:10: Das ist eine Wärmste Empfehlung, ich kann das nur wirklich sagen.
00:06:13: Und das ist auch so.
00:06:14: das andere Buch.
00:06:15: Ich habe den Titel, obwohl ich ihn erst gestern gehört habe.
00:06:17: Weiße Kreidekreuze.
00:06:19: Weiße Kreidekreuze ist das zweite Buch und das ist eine Novelle, die einer Bestatterin folgt zu Pandemie-Zeiten, also es ist ist ist es ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist ist Sein Fiction Text, weil Corona ist gefühlt sehr weit weg mittlerweile.
00:06:42: und ja, man hat eine ganz andere Wahrnehmung von diesem Text.
00:06:47: Also ich finde es total spannend, wie sich der jetzt entwickelt.
00:06:49: Und wie konsequent hast du es geschafft, in ein Sachbuch einzusteigen, ohne dein Thema zu verraten und zu verlieren?
00:06:56: Das nennt man spoilerfreie Kommunikation.
00:07:00: Ja, aber muss man einfach mal so sagen.
00:07:02: Wir haben einen kleinen Podcast dazu auch gemacht.
00:07:04: Den gibt es überall, wo es Podcasts gibt, zum Mainz-Marc Haber.
00:07:06: Da haben wir so drei, vier Geschichten aus dem Buch so ein bisschen aufbereitet.
00:07:10: Wir saßen meistens auch an den Original-Schauplätzen und haben darüber gesprochen.
00:07:15: Und nehmen wir vielleicht noch eine Nummer raus, um so ein bisschen... einen Einblick in das Buch zu geben.
00:07:20: In Mainz gibt es einen Platz direkt im Schatten des Domes.
00:07:24: Hoffe ich mal, dass da auch Schatten hinfällt.
00:07:27: Der heißt Leichhof.
00:07:28: Der heißt
00:07:28: Leichhof.
00:07:29: Und
00:07:29: Name ist Programm.
00:07:30: Name ist Programm und kein Mensch macht sich darüber Gedanken im Alltag.
00:07:33: Genau, also der Leichhof ist tatsächlich im Schatten des Domes und ist ein total... Wer war schon mal auf dem Leichhof in Mainz?
00:07:41: Okay, danke, der Ultra-Block.
00:07:43: Genau, das ist ein Platz, den man passiert.
00:07:47: wenn man vom Dom Richtung Altstadt geht.
00:07:49: Genaue Geografie ist jetzt unwichtig, aber man passiert den sehr, sehr oft.
00:07:53: Und er ist sehr, sehr schön.
00:07:54: Es gibt Weinstände, Eiscafés und was weiß ich noch alles, alles zum Verweinen.
00:07:58: Sehr
00:07:58: viel Leben, ein bisschen Marktränder.
00:08:01: Genau.
00:08:01: Und dann fällt einem auf, na ja, der Leichhof ist halt der ehemalige Domfriedhof.
00:08:07: Also es ist der Hof, in den die Leichen kamen.
00:08:10: Und wie das so ist in Mainz, die sind da noch.
00:08:14: Also man hat den überbaut und heute ist Kopfsteinpflaster drauf und man hat die Skelette einfach liegen lassen.
00:08:21: Das sollte man sich immer vor Augen halten, wenn man seinen Schöppchen genießt im Schatten des Domes.
00:08:26: Moment, ich speise hier auf einem Friedhof.
00:08:29: Und von dir habe ich ja gelernt, warum Kopfsteinpflaster, Kopfsteinpflaster leist.
00:08:35: Es steht im Buch.
00:08:36: Also gehen wir gar nicht näher drauf ein.
00:08:38: Wer jetzt neugierig ist, muss mal lesen.
00:08:40: Und lesen ist das Stichwort.
00:08:42: Weil wir haben zwar ausreichend Zeit, aber ich finde, Sarah Beicht muss lesen, weil sie ist auch mit einer eigenen Lesebühne regelmäßig unterwegs.
00:08:51: Wer dann meins mal schaut, reden wir gleich noch ganz kurz am Schluss drüber, dass man darauf hinweist.
00:08:54: Ja, gerne,
00:08:55: gerne.
00:08:55: Weil das ist wirklich
00:08:56: ihre Parade-Disziplin und deswegen mikrofonfrei für ein Stück aus Mainz-Macabre.
00:09:03: Das sind jetzt aber hohe Erwartungen.
00:09:07: Ich habe zwei Texte dabei und ich würde gerne abstimmen lassen.
00:09:10: Ich habe einen Text dabei, der ist wenig informativ, aber sehr lustig und der andere ist sehr informativ, aber nicht ganz so lustig.
00:09:20: Lachen oder Lernen?
00:09:24: Lachen?
00:09:24: Lachen.
00:09:25: Sehr gut.
00:09:28: Das Buch Meinz-Makaba ist eine Mischung aus Stadthistorie, Reiseführer und autobiografischem.
00:09:35: Also man kann es als Reiseführer benutzen.
00:09:37: Es sind Fotos drin und es sind Straßenkarten drin.
00:09:43: Also man kann durchaus mit diesem Stadtführer durch unser Goldisch-Mehns spazieren.
00:09:49: Aber es sind eben auch autobiografische Anekdoten darin und eine Episode führt an den Mombacher Waldfriedhof.
00:09:58: Wer war schon mal auf dem Mombacher Waldfriedhof?
00:10:01: Okay, auch wieder die Ultra, sehr schön.
00:10:04: Wer nicht, wird ihn jetzt kennenlernen.
00:10:07: Der Mombacher Waldfriedhof ist unspektakulär.
00:10:11: Ein ganz normaler Friedhof in einem ganz normalen Meinzer Stadtteil.
00:10:16: Nichts Besonderes.
00:10:18: Aber der Besuch lohnt sich, wenn man auf eine Sache vorbereitet ist, aber dazu später mehr.
00:10:26: Der Mombacher Waldfriedhof ist mit einer Fläche von mehr als sechsundzwanzig Hektar der größte Friedhof in Mainz.
00:10:33: Dabei ist er noch recht jung.
00:10:35: Anfang einundzwanzig fand die erste Beisetzung dort statt.
00:10:39: Seitdem hat sich einiges getan und heute sind Bestattungen im Baumkrab, Erdkrab, Gemeinschaftskrab, Kolumbarium, Rasenkrab, Urnenkrab und Waldkrab möglich.
00:10:48: Einmal hin, alles drin sozusagen.
00:10:51: Und auch für jede religiöse Ausrichtung werden in Mombach die passenden Begebenheiten geschaffen.
00:10:57: Im islamischen Bereich beispielsweise ist jedes Grab nach Mecca ausgerichtet.
00:11:02: Ein Funktionsgebäude für Trauerfeiern und rituelle Totenwaschungen kommt hinzu.
00:11:07: Darin befindet sich eine Rückzugsmöglichkeit inklusive Dusche.
00:11:12: Hier kann man also in aller Ruhe ruhen.
00:11:15: Im Leben wie im Tod bietet sich der Mombacher Waldfriedhof als Ort zum Verweilen an.
00:11:21: Wären da nicht diese äußerst gefährlichen Bäschen?
00:11:26: Sie jagen in Rudeln, schleichen sich an und tun sehr unschuldig, dabei muss man ihren Biss mehr fürchten als alles andere.
00:11:35: Ich spreche von Eichhörnchen.
00:11:38: Aber nicht die kleinen, putzigen, rostroten Nagetierchen, sondern dicke, penetrante, graubbraune Raubnager, die nur darauf aus sind, die härtesten Nüsse mit ihren Messerscharfenzähnen zu knacken.
00:11:52: Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen führt mich auf den Montbacher Waldfriedhof.
00:11:57: Gemeinsam mit meiner geliebten Großmutter und ihrer Schwester machte ich eines Morgens, der Kindergarten hatte wegen einer Windpockenepidemie geschlossen, einen Ausflug quer durch die Stadt zum Waldfriedhof.
00:12:09: Einfach so zum Spaß.
00:12:12: Oft wundere ich mich über meine morbiden Neigungen, noch öfter leuchten sie mir ein, wie der Vollmond hoch am Himmel steht.
00:12:20: Wir fuhren mit dem Jeep meiner Großtante und parkten unweit der Bushaltestelle.
00:12:25: Na, freust du dich?
00:12:26: fragte Tante Hiltrud.
00:12:28: Ich nickte aufgeregt.
00:12:30: Weißt du, wo wir heute hingehen?
00:12:32: Friedhof kluckste ich, als wären wir nicht in Mombach, sondern kurz davor, die kapitalistische Freizeitpark-Hölle vor den Toren von Paris zu betreten.
00:12:41: Und was sehen wir da?
00:12:43: Eichewanchen jubelte ich.
00:12:46: Noch.
00:12:47: Aus dem Handschuhfach holte sie eine Plastiktüte mit Walnüssen, die wir zuvor unter einem großen Baum im Weißnauer Oberdorf aufgesammelt hatten.
00:12:56: Wir machten uns auf den Weg, ich an der Hand meiner Großmutter, die einige Mühe hatte, mich in Schacht zu halten.
00:13:03: Ständig riss ich mich los, hüpfte ein paar Meter voraus und tanzte zwischen den Gräbern wie nur vierjährige Tanzen.
00:13:10: Ungelenk, abgehackt und von Grund auf glücklich.
00:13:14: Sarah, willst du ein paar Nüsse?
00:13:16: Ja, ich hüpfte zu Tante Hildrud und griff in die Tüte, die sie mir offen hinheilte.
00:13:21: Heute schaue ich mit Mitleid auf dieses kleine Mädchen zurück.
00:13:26: So viel Potenzial, so viele Träume und Hoffnungen, so viel Unschuld.
00:13:31: Ich würde ihr die Nuss aus der Hand schlagen, sie an den Schultern packen und eindringlich sagen, Lauf, Lauf, solange du noch kannst.
00:13:42: Leider kann ich das Geschehene nicht mehr rückgängig machen und muss so bis heute mit der Erinnerung an das Leben, was im Folgenden geschah.
00:13:51: Kaum hatten meine Fingerspitzen die rauhe Schale der ersten Nuss berührt, ging ein Beben durch den Waldfriedhof, ließ Grabsteine erzittern und Bäume bedrohlich schwanken.
00:14:02: Es hörte sich an wie eine Million winzig kleiner Füße, die im Gleichschritt über den Asphalt marschierten, ein einziges Ziel nur in den putzigen kleinen Knopfaugen.
00:14:12: Die Nuss.
00:14:14: Ehe ich mich versah, war ich umringt von Eichhörnchen.
00:14:18: Erwartet man von freilaufenden Nagetieren einen gewissen Abstand und Fluchtinstinkt, waren diese Bestien einzig auf das Futter aus, das ich fatalerweise noch in meiner kleinen Kinderhand befand.
00:14:31: Sie kamen auf mich zu, geschossen, möchte ich sagen, immer näher, bis sie beinahe meine Schuhe berührten, setzten sich auf, starten mich an, Ice on the Price, alle Augen auf der Nuss.
00:14:43: Ich bekam Panik.
00:14:45: Meine Pupillen weiteten sich, meinen Atem ging flach und stoßweise.
00:14:50: Ich stolperte ein paar Schritte zurück.
00:14:52: Ach gucke mal wie goldig, die habe ich gar keine Angst, hörte ich meine Großmutter Gurren.
00:14:58: Sie war sich der Schwere der Situation offenbar nicht bewusst.
00:15:03: Eines der Tiere schnüffelte an meiner Hose.
00:15:06: Mir fiel mit Grauen auf, dass es eine bunt bestickte Kinderschlaghose war, mit genügend Platz sich unter dem ausladenden Hosensaum zu verstecken.
00:15:16: Bitte keine Kommentare über modische Verfehlungen, das waren die Neunziger.
00:15:20: Meine Gummisolen blinkten bei jedem Schritt auf, kratzten über den Boden, als ich versuchte, mehr Abstand und mehr Zeit zu gewinnen.
00:15:28: Die Bestien folgten mir in einer eindeutig einstudierten Choreografie, Formation Eichhörnchen.
00:15:35: Aisara, jetzt gibts ihm doch, guck doch, der hat Hunger.
00:15:39: Hunger, sah ich nicht in den auf mich gerichteten Scheinwerfern, höchstens Blutdurst.
00:15:44: Kurz setzte mein Herz einen Schlag aus, dann drehte ich mich um und rannte, schneller als der Wind, im Zickzack um die Mäute abzuschütteln.
00:15:52: Leider ohne Erfolg, denn ihr ahnt es, die Nuss hatte ich natürlich immer noch in der Hand, und das war alles, was die Eichhörnchen interessierte.
00:16:01: Ich suchte Schutz hinter Grabsteinen, fegte über die Wege und hinter mir das Battalion, das mich unermüdlich verfolgte.
00:16:09: Es dauerte gefühlte Stunden, bis die Worte meiner Großmutter zu mir durchdrang.
00:16:13: Ich ließ die Nuss fallen und hatte schlagartig Luft zum Atmen.
00:16:19: Plötzlich war ich vollkommen uninteressant für die Mäute, die nun darüber fachsimpelte, mit welcher Methode man die harte Schale am besten knacken könnte.
00:16:28: Ich meinte die Worte, Hammer und Geotina aus dem piepsigen Gewusel herausgehört zu haben, aber sicher hatte ich mich getäuscht.
00:16:36: Hier endet mein Ausflug zum Mombacher Waldfriedhof.
00:16:39: Was ihr mit dieser Geschichte nun macht, ist euch überlassen.
00:16:43: Geht ruhig, nehmt doch Nüsse mit und verfüttert sie an die wilde Menge.
00:16:48: Erfreut euch an putzigen Knopfaugen und kleinen Pfötchen, aber auch die haben Krallen und ehe euch verseht, werdet auch ihr verfolgt und über den Friedhof gehetzt.
00:16:58: Ob sich meine Geschichte genau so zugetragen hat?
00:17:01: Falls ihr denkt, sie ist wahr, dann habt ihr recht.
00:17:04: Etwas Ähnliches ist Mitte der neunziger Jahre in Rheinland-Pfalz passiert.
00:17:08: Konntet auch ihr Fakt von Fiktion unterscheiden?
00:17:12: Euer Jonathan Frakes.
00:17:18: Ich glaube, ich habe untertrieben.
00:17:20: Für mich bist du echt die Meisterin der Lesung, deswegen ganz kurz nach dahin weiß, du hast eine eigene Lesebühne, du bist in Mainz unterwegs und regelmäßig, wer dort hin will, was muss er tun?
00:17:31: einfach vorbeikommen.
00:17:32: Also genau, wir machen die Leselampe in der Mainzer Dorette, die ist in Bahnhofsnähe, auch ein Ort, der hier drin ist.
00:17:40: In Richtung True Crime geht das.
00:17:41: Und der Ort lohnt sich, das anzuschauen, weil man glaubt seinen Augen manchmal nicht.
00:17:46: Genau, es ist eine sehr tolle Örtlichkeit in Mainz, eine ehemalige Animierbar, heute ein Kulturschoppen, Schuppen, kein Shoppen.
00:17:55: Man merkt
00:17:55: in jeder Ritze, was es mal war.
00:17:58: Genau, man merkt es, aber es finden ganz tolle Kulturveranstaltungen dort statt.
00:18:03: Alle zwei Monate findet die Leselampe dort ein Zuhause und mein literarisches Wohnzimmer.
00:18:09: Mainz Makaba, ich habe gelernt, dass Mainz in Weltliteratur eine ganz große Rolle spielt.
00:18:18: Absolut, das können wir als Teaser vielleicht noch mit auf den Weg geben.
00:18:22: Das Buch ist in viele Kapitel gegliedert, also es geht um Friedhöfe, es geht um True Crime, aber es geht auch um Literatur und... um Büschelger, wie ich es genannt habe, und Frankenstein bekommt ein größeres Kapitel in Mainz-Makaba, denn Mary Shelley ist auch schon in Mainz gewesen und hat sich dort inspirieren lassen.
00:18:40: So, und jetzt haben wir genug Inhalt verraten.
00:18:42: Mainz-Makaba läuft total gut an.
00:18:44: Wir sind überall im Buchhandel.
00:18:47: Die Autoren ist mega aktiv und auch wir bekommen tolle Reaktionen.
00:18:50: Ich glaube, es gibt auch bald noch TV und es ist wirklich alles, was dazugehört, passiert mit diesem Buch.
00:18:55: Und wir haben mit diesem Thema auch noch ein bisschen was vor.
00:19:00: Ich glaube, du hast mehr Material, als wir eigentlich Bücher machen können.
00:19:04: Das ist das Schöne an Mainz und Rhein-Hessen.
00:19:05: Die Leute sind gesellig und kommunikativ und ich kriege so viele Zuschriften und habe es in Niederolm noch aufgenommen.
00:19:11: Und wie soll das in Bad Kreuz nach?
00:19:13: Und also meine Akten sind gut
00:19:18: gefüllt.
00:19:18: Das läuft jetzt.
00:19:18: Es kommt noch mehr rein.
00:19:21: Besser kann es gar nicht laufen.
00:19:23: Wir haben uns viele Gedanken gemacht.
00:19:25: Wir würden ja gerne, ich weiß gar nicht, ob ich das in dieser Städte, doch, ich verrate es einfach.
00:19:28: Wir würden ja gerne überall, wo es Städte gibt, die das auch hergeben.
00:19:32: Wir würden gerne einsteigen.
00:19:34: Ja, stimmt, genau.
00:19:36: Wir schauen mal genau, meinst Makada ist, wie gesagt, der erste Band.
00:19:40: Vielleicht folgen weitere.
00:19:41: Okay, das ist jetzt der beste Tiese überhaupt.
00:19:43: Ich bin froh, dass du bei uns bist.
00:19:44: Ich bin froh, dass ich diese schnelle Entscheidung getroffen habe.
00:19:47: Es ist alles richtig gemacht.
00:19:48: Und ich mich
00:19:49: erst.
00:19:49: Ja, und danke für das tolle Buch und danke, dass du bei uns bist.
00:19:52: Danke auch, danke auch.
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